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Runder Tisch soll Frieden bringen

Das Neokatechumenat in der katholischen Gemeinde Regensdorf gab in den letzten Monaten immer wieder Anlass zu Diskussionen. Die Kirchenpflege lud deshalb zu einem Informationsabend ein. Dafür reiste sogar der emeritierte Weihbischof Peter Henrici von Brig her an.

Sibylle Ratz

Regensdorf. In Regensdorf sind nicht mehr alle Katholiken mit der Leitung der Kirchgemeinde St. Mauritius zufrieden. Das war unter anderem an den beiden letzten Kirchgemeindeversammlungen im Dezember und Januar feststellbar. Dabei kamen immer wieder auch Fragen zum Neokatechumenat auf, weil eine Gruppierung in der Gemeinde diesem «Weg» angehört. Vergangene Woche veranstaltete die Kirchenpflege deshalb einen Informationsabend zum Neokatechumenat. Die Information zum Anlass erschien allerdings nur als Inserat in dieser Zeitung. Auf der Webseite fand sich dazu kein Hinweis. Trotzdem erschienen etwa 80 Personen.

Bischof kam extra aus dem Wallis nach Regensdorf

Red und Antwort standen für die Gemeinde der 91-jährige Peter Henrici, ehemaliger Weihbischof von Chur, höchstpersönlich sowie Elia Spandri, Architekt in München und Verantwortlicher für den Neokatechumenalen Weg in der Deutschschweiz, und Paul Monn, Priester der Diözese Lugano. Spandri und Monn sind beide Vertreter des Neokatechumenats in der Deutschschweiz. Monn ist gleichzeitig auch als Aushilfe für Pfarrer Remo Peter Eggenberger in der Gemeinde Regensdorf engagiert.

Peter Henrici war früher als Generalvikar für die Gemeinde zuständig. Er begrüsste die Teilnehmer der Veranstaltung gleich zu Beginn mit strahlendem Lachen und sagte: «Ich bin froh, dass so viele da sind. In diesem Saal habe ich oft Gottesdienst gefeiert. Es interessiert mich, wie es der Gemeinde geht.» Zunächst erzählte Henrici, wie er 1977 in Rom erstmals in Kontakt mit dem Neokatechumenat gekommen ist und erzählte von seinen persönlichen Erfahrungen: «Eine meiner Studentinnen fragte mich an, ob ich für ihre Gemeinschaft einmal die Messe lesen würde, weil ein Priester fehlte. Mir hat es dort sehr gut gefallen und ich habe die Menschen als angenehm und fröhlich erlebt.» Über die Jahre blieb er dann dem Neokatechumenat verbunden und setzte sich später auch als Generalvikar dafür in Regensdorf ein.

Neokatechumenat sei ein Weg und keine Gruppierung

Auf die Frage, wer denn zum Neokatechumenat gehöre, antwortete Henrici: «Es gibt keine Zugehörigkeit, es ist ein Weg.» Elia Spandri ergänzte: «Wir sind keine ‹Auserwählten und keine besseren Christen. Wir sind auch keine Bewegung. Da höre ich immer wieder entsprechende Aussagen, aus denen ich eine Angst heraus höre.» In Regensdorf gebe es zwei kleinere Gemeinschaften mit 15 bis 20 Personen. Früher existierte noch eine Gemeinschaft in Zürich, diese habe sich inzwischen aufgelöst. Es handle sich jeweils um eine Gruppe von Menschen, die sich gemeinsam auf einer bestimmten Stufe des Weges befinden. Es gehe darum, sich vertieft mit dem Wort Gottes auseinanderzusetzen und was einem das persönlich sage. Ein Katechistenteam bestehe in der Regel aus Laien und einem Priester. Spandri, charismatisch und wortgewandt, sagt überzeugend: «Wir sind nicht konservativ oder liberal. Die Freiheit und die Intimität der Personen müssen gewahrt bleiben. Das Neokatechumenat ist ein Weg von vielen. Meine Erfahrungen damit sind nur positiv. Da diskutiert der Obdachlose mit dem Doktor, was dich anspricht in deinem Leben. Es ist eine Möglichkeit von vielen in einer Pfarrei.» Ein Fragesteller meinte: «Das Neokatechumenat wird sehr einfach und zurückhaltend dargestellt. In den 36 Seiten Statuten sehe ich aber viel Hierarchie. Wir sind etwa 9000 Katholiken im Furttal. 25 bis 30 Leute haben es geschafft, die Pfarrei so zu beeinflussen, dass sich viele hier nicht mehr wohl fühlen.» Darauf antwortete Peter Henrici: «Es ist schon so, diejenigen, die aktiv sind, bestimmen die Pfarrei. Eine Pfarrei wächst von Innen heraus. Meldet euch auch. Aber es ist nicht so, dass das Neokatechumenat die Pfarrei verändern oder beeinflussen will.»

Blumen ohne Nährboden verschwinden von der Blumenwiese

Ein weiterer Teilnehmer widersprach: «Bereits vor 25 Jahren gab es das Neokatechumenat in unserer Gemeinde. Aber jetzt haben wir eine Spaltung. Herr Henrici machen Sie die Augen auf.» Peter Henrici hatte im Vorfeld eine Blumenwiese mit verschiedenen Blumen als Sinnbild für die Vielfalt in der katholischen Kirche bemüht. «Das mit der Blumenwiese ist zwar ein schönes Bild. Aber viele Blumen existieren nicht mehr. Ich fühle mich entwurzelt. Viele Leute sind gegangen, dafür hat ein rechter Flügel, den ich als äusserst konservativ empfinde, überhandgenommen. Die vielfältige Pfarrei, die wir hatten, gibt es nicht mehr. Das tut unglaublich weh.» Henrici bezog sich daraufhin auf die Wissenschaft: «Es ist ein physikalisches Gesetz, dass eine Gruppe, die stark zusammenhält, auch auf Abstossung trifft. Das Neokatechumenat ist eine Sache von vielen. Es hängt auch stark von der Persönlichkeit des Pfarrers ab.»

Konkret wurde auch gefragt, wie viele Personen, die von der Kirchgemeinde angestellt sind, im Neokatechumenat sind. Darauf gab Personalchef Walter Stählin Auskunft: «Das sind zwei Personen.» In der Folge kam rasch die Frage auf, wie es denn bei der Neuanstellungen aussehe, jetzt, nachdem fünf Katechetinnen gleichzeitig die Kirche verlassen. Stählin meinte dazu: «Wir fokussieren auf keine Seite. Uns ist es auch wichtig, dass wir eine Gemeinschaft sind. Ich kann dazu sagen, dass keine der Kandidatinnen, die im Moment im Fokus sind, im Neokatechumenat sind.»

Die Gemeinschaften des Neokatechumenats würden sich auch zurückziehen

Daraufhin meinte Elia Spandri: «Man muss uns nicht mögen. Aber wir sind keine Sekte, wir klauen kein Geld, wir sind normale Katholiken, wir sind eine Möglichkeit innerhalb der katholischen Kirche.» Peter Henrici bemerkte dazu noch: «Ich hab die Neokatecheten immer als ziemlich unfähige Gruppe angesehen, um überhaupt Macht zu übernehmen.» Er musste die Veranstaltung dann früher verlassen, um noch am selben Abend ins Wallis zurückzukommen.

Kritische Anmerkungen gab es auch in der Folge zu den separat durchgeführten Gottesdiensten und zu den gemeinschaftlichen Feiern mit Beichten. Nach den persönlichen Schilderungen von schlechten Erfahrungen einer Teilnehmerin wurde es nochmals hitzig und emotional. Spandri stritt ab, dass diese Form der Beichte existiere beziehungsweise setzte sie in einen anderen Rahmen: Dass es um eine eigentliche Bussfeier gehe, die persönliche Einzelbeichte aber von Gesang übertönt werde. Wenn es für die Gemeinde keine Bereicherung sei, könnten sich das Neokatechumenat auch aus der Pfarrei zurückziehen, meinte Spandri weiter.

Die Probleme liegen beim Umgang mit den Menschen untereinander

Je länger der Abend desto weniger drehten sich die Fragen direkt ums Neokatechumenat sondern vielmehr um die Gemeinde an und für sich. Hier blockte Spandri ab. Er wolle nicht über Nichtanwesende, insbesondere über Pfarrer Remo Eggenberger, sprechen. Ausserdem sei «der Priester Diener der Gemeinde». Er rief dazu auf, dass sich alle zusammensetzen sollten und miteinander sprechen und setzte noch ein leidenschaftliches Votum ab: «Ihr seid die Kirche. Liebt einander, egal ob homosexuell, geschieden, rot, schwarz, gelb, grün, braun, seid eins. Wir sind nicht besser oder schlechter als andere Menschen!»

Einige Fragen zum Neokatechumenat konnten zwar geklärt werden, andere Fragen blieben aber unbeantwortet wie jene nach dem Gottesbild. Ein Teilnehmer meinte direkt an Henrici gerichtet: «Wir sind uns einig, es gibt die Hölle, aber niemand kommt hinein.» Henrici präzisierte darauf hin: «Wir müssen hoffen, dass niemand hinein kommt.»

Zum Abschluss zeichnete sich immerhin ein erster Schritt zu einer Lösung ab. Es wurde vereinbart, dass sich am 20. Februar eine Gruppe der Kritiker mit der Kirchenpflege zusammensetzen und die Probleme konkret diskutieren will.


Furttaler Nachrichten vom Freitag, 14. Februar 2020, Seite 5