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Nur einen Karton über dem Kopf

Neunzehn Jugendliche haben am Wochenende an der ökumenischen Aktion «Nacht ohne Dach» teilgenommen und in Kartons auf dem Kirchplatz übernachtet. Im Vorfeld haben sie sich Sponsoren gesucht, mit deren Beiträgen ein Bildungsprojekt in Peru unterstützt wird.

Rümlang. Hochmotiviert trafen die Jugendlichen am Samstagnachmittag im reformierten Kirchgemeindehaus ein, um an der ökumenischen «Nacht ohne Dach» der reformierten Kirchgemeinde Rümlang, der Chrischona Rümlang und der ETG Rümlang teilzunehmen. Der Sponsorenanlass in Zusammenarbeit mit der christlichen Organisation TearFund, bei der man in einem selbst gebauten Haus aus Karton übernachtet, versprach, spannend und vielfältig zu werden. Damit ein stattlicher Geldbetrag für das unterstützte TearFund-Bildungsprojekt in Apurimac (Peru) zusammenkommen kann, hatten sich alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer Sponsoren gesucht. So mancher verzichtete sogar auf eine Matte oder einen Schlafsack, andere assen nur Brot und tranken nur Wasser, um ihre Sponsoren von der eigenen Motivation zu überzeugen.

Zunächst aber startete die Gruppe mit dem Backen von Zöpfen und dem Verzieren von gespendeten Mailänderli in den Nachmittag. Anschliessend wurden die Backwaren in Rümlang verkauft. Dabei mussten die Jugendlichen das Projekt auch gegenüber möglichen Käufern erklären: Dieses bietet Jugendlichen in Apurimac die Möglichkeit einer Berufsausbildung, so dass sie nicht gezwungen sind, als Tagelöhner nach Lima zu gehen und dort im Slum Huaycan ein bitterarmes Dasein zu fristen. Nach der Verkaufsaktion hielt Pamela Blöchliger von der Organisation TearFund einen Vortrag über die Verteilung des Reichtums und die Armut in der Welt sowie über das unterstützte Projekt.

An Tiefschlaf war nicht zu denken

Schliesslich begann das Bauen der Häuser. Aus Kartons, die unentgeltlich von Velogeschäften zu bekommen waren, bauten kleine Gruppen von mindestens zwei Jugendlichen gemeinsam ein Haus, um darin die Nacht zu verbringen. Mit Klebeband und ein paar Holzstecken wurde gebaut und gezimmert, bis auf dem Kirchplatz ein kleines Dorf entstanden war. Obwohl ein paar Wolken aufgezogen waren, sollte es in der Nacht trocken bleiben. Nach einem Suppen-znacht wurden noch einige Spiele gemacht, dann brach die Dämmerung herein und um 22 Uhr wurde es auf dem Platz ruhig. Begleitet vom ökumenischen Leiterteam machten sich alle zur Nacht bereit und gingen nach und nach in die Kartonhäuser. Um 23 Uhr war Nachtruhe. Leise wurde noch in den Häusern miteinander gesprochen und dann versucht, zu schlafen.

Der Karton hält jedoch weder Wind noch Geräusche ab. Die Glocke der Kirche, sprechende oder musikhörende Nachtschwärmer unterbrachen immer wieder den kurzen Schlaf oder auch nur das Dösen. An wirklichen Tiefschlaf war nicht zu denken. Trotzdem hielten alle Jugendlichen durch und hielten so auch ihr Wort, das sie ihren Sponsoren gegeben hatten. Trotz der fehlenden Ruhe und Bequemlichkeit manch einer schlief ja auch ohne Matte und Schlafsack blieben sie die Nacht über stoisch in ihren Kartonhäusern liegen. So konnten die Gruppen die «Nacht ohne Dach» mit Erfolg beschliessen, als schliesslich die Sonne aufging und den Morgen ankündigte.

Über 4000 Franken gesammelt

Um 7.15 Uhr waren alle wach, säuberten noch vor dem Frühstück ihre Kartons für das Recycling und reinigten den Platz. Der anschliessende ökumenische Gottesdienst schloss sich thematisch an das Thema der «Nacht ohne Dach» an. In der Kollekte kamen dabei 830 Franken zusammen, die ebenfalls dem Projekt in Apurimac zugute kommen. Zusätzlich hatte der Backwarenverkauf 350 Franken eingebracht. Und mit ihrer Nacht im Karton konnten die Jugendlichen rund 3000 Franken an Spendengeldern von ihren Sponsoren erzielen. Viel Geld für den guten Zweck.

Der zweite grosse Gewinn der Aktion ist aber auch die Erfahrung der Jugendlichen. Im Fernsehen oder in der Zeitung informiert zu werden über Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben, ist das eine. Wissen darüber kann sich jeder aneignen. Aber das Gefühl, wie es tatsächlich ist, kann nur jemand nachvollziehen, der es selbst erlebt hat. Eine selbst gewählte Nacht im Karton ist nicht vergleichbar mit einem Leben in Armut. Aber sie kann Empathie fördern und den Blick schärfen. Der erste Schritt, etwas gegen die Armut zu unternehmen, ist, sie überhaupt wahrzunehmen und hinzuschauen. Und diesem Ziel fühlt sich die Aktion eine «Nacht ohne Dach» verpflichtet. Sie macht bei Teilnehmern erlebbar und bei Passanten sichtbar: Armut geht uns alle an. 

Severin Frenzel, Jugenddiakon,

reformierte Kirchgemeinde Rümlang


Rümlanger Nachrichten vom Freitag, 6. September 2019, Seite 11