E-Paper - 19. Juni 2020
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«Die Zuschauer haben das Theater gerettet»

Die Kammerspiele Seeb in Bachenbülach haben den Lockdown dank grosser Unterstützung überstanden und starten im September in die neue Saison. Zuerst wird ein Teil der verpassten Aufführungen der

Jubiläumsproduktion nachgeholt. Der Vorverkauf soll voraussichtlich Ende Monat starten.

Bettina Sticher

Bachenbülach. Der Papst wird zwar nur fiktiv entführt. Die Katastrophe geschah bei den Kammerspielen Seeb dafür umso realer. Von einem Tag auf den anderen, mitten in der Spielzeit der beliebten Jubiläumsaufführung «Der Tag, an dem der Papst gekidnappt wurde» mit Walter Andreas Müller in der Hauptrolle, war Schluss.

Auf der Bühne und in den Umkleidegarderoben zeugen stehen- und liegengelassene Requisiten und Utensilien davon, dass alles unerwartet schnell ging. Hier eine leere Colaflasche, dort ein Zopf, «sogar ein Kägi fret liegt noch da», sagt Theaterleiter Urs Blaser. Im Saal riecht man förmlich, dass hier seit drei Monaten keine Zuschauer mehr ein- und ausgehen. «Erst vor ein paar Tagen haben wir mit dem Aufräumen begonnen», erzählt der Regisseur. Er und die anderen Angestellten des Vereins haben seit dem Lockdown im Homeoffice gearbeitet.

400 000 Franken Einnahmen weg

Am Morgen des 13. März sei das Telefon gekommen, die Abendaufführung müsse abgesagt werden. Natürlich habe man sich in den Tagen davor schon Gedanken darüber gemacht, was sei, wenn es zum Supergau komme, denn schon vor dem Lockdown hätten Leute ihre Reservationen annulliert. Dennoch: «Es war ein Schock und wir hatten Existenzangst.» Doch dann haben sich die Verantwortlichen aufgerappelt und gekämpft. «Wir haben sofort eine Spendenkampagne gestartet», sagt Urs Blaser. Zusammen mit der Kurzarbeitsentschädigung, der finanziellen Unterstützung von Bund und Kanton sowie den Spenden habe man rund 80 Prozent des bisherigen coronabedingten Ausfalls abfangen können, den Rest habe man mit den eigenen Reserven getragen. «Es hat eine grosse Solidarität gegeben. Die Zuschauer haben das Theater gerettet», ist der Theaterleiter überzeugt. Sicher liege dies daran, dass das Theater auf eine treue Kundschaft zählen könne.

Gut 400 000 Franken Einnahmen fielen weg. «Das ist mehr als ein Drittel unserer jährlichen Gesamteinnahmen. Wir mussten mindestens 60 ausverkaufte Vorstellungen absagen. Der Schaden war riesig», zieht Blaser Bilanz. Geplant waren über 100, ein Teil davon im Theater am Hechtplatz in Zürich, mit dem die Kammerspiele Seeb zusammenarbeiten. Normalerweise gibt es bei den Kammerspielen rund 180 Aufführungen im Jahr mit 14 000 bis 15 000 Besuchern. Kredite hat das Theater keine aufgenommen. Dafür sei die Marge zu knapp: «Das wäre wie, wenn man mit einem gebrochenen Bein einen Marathon laufen würde», sagt Blaser. Den Schaden an die Angestellten weitergeben wollte er nicht. Daher seien die vollen Löhne gezahlt worden. «Theaterleute verdienen nicht viel.» Auch Walter Andreas Müller sei sehr entgegenkommend gewesen und habe keine Stargage bezogen.

Mit Urs Blaser stehen sieben Festangestellte auf der Lohnliste des Theaters, davon arbeiten zwei 100 Prozent. In der letzten Spielsaison, die Ende Mai regulär zu Ende gegangen wäre, haben elf Personen feste Gagen bezogen. Gesamthaft stehen jeweils rund 70 Personen auf der Lohnliste. Denn bei den Kammerspielen wird alles selber gemacht. «Jeder der 33 Knöpfe am Papstkostüm ist eine Eigenanfertigung», illustriert Urs Blaser den Aufwand, den das hochprofessionelle und renommierte Theater mit anspruchsvoller Kundschaft betreibt.

Hälfte der Einnahmen aus Gastronomie

Dazu kommt die Gastronomie, die in den letzten zehn Jahren aufgebaut wurde und gemäss dem Regisseur rund die Hälfte der Einnahmen ausmacht. Gekocht wird allerdings nicht selber, die Mahlzeiten liefert ein Cateringbetrieb. Dennoch erfreut sich auch dieses Angebot grosser Beliebtheit. Vor allem die Matineen mit einem Frühstücksbuffet seien jeweils weit im Voraus ausgebucht. Geboten werden auch Abendessen oder Afternoon Tea.

Vorverkauf voraussichtlich Ende Juni

Zurzeit planen die Kammerspiele die neue Spielsaison, die Mitte September starten soll. «Die nächste Spielzeit ist eine grosse Herausforderung. Ich habe im Moment mindestes zwölf Spielplanvarianten bereit, normalerweise sind es drei bis vier», erklärt der Theaterleiter. Im September und Oktober wird ein Teil der Papst-Vorstellungen nachgeholt, je nach Pandemie-Entwicklung im eigenen Theater, notfalls in der Mehrzweckhalle. «Ich hoffe aber, dass das nicht nötig sein wird, das Ambiente ginge verloren», sagt Blaser. Um im eigenen Haus rentabel spielen zu können, müssten mindestens 60 Besucher zugelassen sein. Mit den derzeitigen Vorschriften sei dies nur mit Auflagen, vor allem Maskentragen, möglich. «Kultur muss Freude machen, was ich mir mit Maskenpflicht nur sehr schwer vorstellen kann.»

Nach dem Papst folgt gemäss dem aktuellen Spielplan die Wiederaufnahme einer Tanzkomödie. «Durch die Verschiebung haben wir etwas Zeit gewonnen und diese brauchen wir, um eine neue Produktion auf die Beine zu stellen», sagt der Regisseur, der am liebsten wieder ein Mehrpersonenstück auf die Bühne bringen will, und: «Am 16. September können wir hoffentlich loslegen.» Noch diese Woche sollen weitere Beschlüsse gefasst und Ende Monat mit dem Vorverkauf gestartet werden. Weitere Infos findet man auf www.kammerspiele.ch.

Unterland Zeitung vom Freitag, 19. Juni 2020, Seite 5 (24 Views)

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