E-Paper - 19. Juni 2020
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Erster Ansturm hielt sich in Grenzen

Seit Montag ist der günstige

Einkaufstrip jenseits der Grenze wieder möglich. Für Händler im «Jestetter Zipfel» kam die Öffnung keinen Tag zu früh der grosse Andrang von Kunden, auch aus dem Unterland, blieb jedoch vorerst aus.

Martina Kleinsorg

Jestetten/Lottstetten. Wie an einer Perlenschnur gleiten erst wenige Autos durchs Rafzerfeld in Richtung Grenze. Das deutsche Zollhäuschen ist kurz vor 9 Uhr verwaist: Kein Beamter will einen Ausweis sehen oder fragt nach dem Grund der Reise. Es ist Montag, der 15. Juni nach drei langen Monaten haben Deutschland und die Schweiz die gegenseitige Einreise wieder erlaubt. Zwar gab es vorab bereits Lockerungen, doch Reisen zum Zwecke des Einkaufstourismus waren unter Androhung einer Busse von 100 Franken untersagt. «Jestetten lebt und stirbt mit der Schweiz», formulierte es Alfons Brohammer, bis 2005 Bürgermeister der Gemeinde mit rund 5000 Einwohnern, die dem Zipfel im südlichsten Baden-Württemberg den Namen gab. So deutlich wie in den letzten drei Monaten spürte man die wirtschaftliche Abhängigkeit von den kaufkräftigen Nachbarn wohl noch nie.

Sektempfang musste ausfallen

90 Prozent seiner Kunden seien Schweizer, «eher mehr», bestätigt Sascha Mundl, Inhaber von M&M Fashion in Jestetten. Mit neuesten Trends und zahlreichen Aktionen wollen der «Modezar» und sein Team sie nun begrüssen. Der geplante Sektempfang müsse aus Hygienegründen ausfallen, «aber draussen servieren wir gerne einen Kaffee». Masken gibt es am Eingang gratis, doch hofft Mundl, dass die Pflicht bald fällt, «allein vom Umweltschutzgedanken her». Die letzten Monate habe man mit Onlinehandel und Direktversand in die Schweiz überbrückt, das Geschäft ab Anfang Mai freitags und samstags von 10 bis 17 Uhr wieder geöffnet. Was nicht mehr brandaktuell sei, gebe es nun extrem reduziert. Zum Glück habe er die Lieferungen teilweise stoppen können, dennoch umfasse das Warenangebot den Gegenwert von einem «feudalen Einfamilienhaus»: «Kapitalschwächere Unternehmen wären längst in Konkurs gegangen.» Dass die Kunden am ersten Morgen noch spärlich eintröpfeln, sieht er gelassen: «Lieber langfristig auf Normalbetrieb als ein kurzer Superhype.»

Der über Monate nahezu verwaiste Aldi-Parkplatz füllt sich an diesem Morgen bald bis zur Hälfte und mehr. Mit Absperrband wird der noch überschaubare Kundenfluss zum Eingang gelenkt, das Personal mit Plexiglasvisieren räumt stetig Ware nach. «Wir waren schon um 7 Uhr da, weil wir dachten, es hätte viel mehr Leute», sagt ein Familienvater. Zwei junge Frauen, Schwägerinnen, steuern die prallgefüllten Einkaufswagen auf ihr Auto zu. «Sonst kommen wir mindestens einmal im Monat», sagt eine. In den letzten Wochen hätten sie den Konsum deutlich einschränken müssen, der Preisunterschied zu heimischen Detailhändlern sei doch erheblich. Zudem profitieren sie von der Rückzahlung der deutschen Mehrwertsteuer, bis zu einem Warengesamtwert von 300 Franken fällt keine Schweizer Steuer an. «Wir haben zwar schon im DM-Drogeriemarkt kräftig zugeschlagen, doch damit kommen wir locker hin», sind sie sich einig. Auch Redzair Tairi aus Bachenbülach lädt sein Auto voll. Er hatte, als der Termin für die Grenzöffnung stand, beim hiesigen Reifenhändler einen Termin für neue Sommerpneus reserviert. «Bei der Gelegenheit kaufe ich natürlich gleich ein.»

Hauptsaison ist bereits gelaufen

In den drei Monaten ohne Schweizer Kunden sei das Geschäft auf 20 Prozent geschrumpft, sagt Wim Nieuwesteeg Walde vom Pflanzenmarkt Plant-issimo, den er mit seiner Ehefrau Elvira in Lottstetten betreibt. Das Angebot, Pflanzen online zu bestellen und liefern zu lassen, sei leider kaum genutzt worden, bedauert der Unternehmer. «Fast alle Pflanzen, die wir für das Frühjahrsgeschäft eingekauft haben, sind noch da und stehen in voller Pracht zum Verkauf.» Die Hauptsaison von Mitte März bis Mitte Juni sei gelaufen, den Verlust hole man nie wieder ein. «Reisen wird dieses Jahr nicht wie sonst möglich sein, da machen es sich die Leute im Garten und auf der Terrasse schön», sagt Nieuwesteeg Walde und hofft auf einen nicht zu heissen Sommer: «Die Leute haben keine Lust, so viel zu giessen.» Vielleicht ziehe das Geschäft auch zum Herbst noch einmal an, da bliebe den Pflanzen noch genug Zeit zum Anwachsen. Erste Stammkunden hätten am Montagmorgen bereits vorbeigeschaut, zeigt sich das Ehepaar dankbar, welches die tägliche Arbeit nun mit zwei statt vier Mitarbeitern bewältigen muss.

Auf der Heimfahrt gegen Mittag kündigt ein Rückstau 250 Meter vor dem Zollamt Lottstetten bereits an, dass Schweizer Einkaufstouristen um Parkplätze in vorderster Reihe kämpfen. Doch muss niemand lange anstehen, um seine Ausfuhrbelege abstempeln zu lassen. Die Zollmitarbeiter erledigen dies zeitweilig zu zweit.

Eine Stippvisite im Coop in Eglisau lässt keinen Aufschluss über verändertes Kaufverhalten anlässlich der Grenzöffnung zu. «Montag ist hier nie so viel los», sagt eine Mitarbeiterin, die am Eingang die Besucher zählt. Eine der Kunden ist Denise McNeal. «Ich komme gerade aus Jestetten», gibt sie zu. Sie habe bei einer der vielen Paketstationen endlich eine Sendung abgeholt, die sie nicht in die Schweiz schicken lassen konnte. Sonst fahre sie wöchentlich über die Grenze, um das Budget zu schonen. Vor allem Putzmittel, Kosmetika, Fleisch und Gemüse seien viel günstiger. In der Schweiz kaufe sie meist ausgewählte Sachen ein: «Meine Sojamilch bekomme ich nur hier aber die Tomaten sehen auch super aus.»

Unterland Zeitung vom Freitag, 19. Juni 2020, Seite 1 (26 Views)

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