E-Paper - 14. Februar 2020
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«Neue Erreger lösen immer Angst aus»

Wie ist die Gefährdung durch das neue Corona-Virus im Vergleich zu

anderen infektiösen Erkrankungen einzustufen? Im Gespräch mit

der UZE haben Sabina Buyet, Fachexpertin Infektionsprävention, und Fabian Tschumi, Oberarzt

Innere Medizin und Facharzt

Infektiologie Spital Bülach,

gemeinsam Fragen beantwortet.

Bettina Sticher

Seit Wochen wird in den Medien über das neue Corona-Virus berichtet. Die Leute kaufen sich Schutzmasken. Und das obwohl es in der Schweiz noch keinen einzigen bestätigten Krankheitsfall gibt. Warum diese Angst? Ist das nicht ein übertriebener Hype?

Dr. med. Fabian Tschumi: Neue Infektionserreger, also das Unbekannte, lösen immer Angst aus. Es existiert kein Impfstoff und zurzeit keine nachweislich wirksame Therapie. Es wird symptomatisch behandelt.

Sind nicht die saisonale Grippe oder andere virale Erkrankungen oder bakterielle Infektionen, darunter auch multiresistente Keime, viel gefährlicher, auch im Vergleich zur Anzahl Todesfälle?

Tschumi: Die Gefährlichkeit des neuen Virus ist aktuell noch schwer abzuschätzen. Aktuelle Situation Corona-Outbreak (11.02.2020) 43 129 Infizierte, 1018 Tote, 4228 wieder gesund. Etwa zehn Prozent der Erkrankten ausserhalb Chinas. Geht man von den aktuellen Zahlen aus, liegt die Mortalitätsrate bei 2,4 Prozent, was eher tief ist im Vergleich zu Mers und Sars. Im Vergleich: Saisonale Influenza 2018/19: Zwei Prozent der Schweizer Bevölkerung entwickelten in dieser Zeitspanne grippeähnliche Erkrankungen. Bei 3,4 Prozent der gemeldeten Grippeverdachtsfälle wurde eine Pneumonie festgestellt, hauptsächlich bei den über 64-Jährigen. Neun Prozent der Patienten mit Pneumonie mussten denn auch hospitalisiert werden. 2015 verzeichnete das Bundesamt für Statistik eine Übersterblichkeit in den ersten drei Monaten von 2200 Todesfällen, die auf die saisonale Influenza zurückgeführt wird. Die «Review on Antimicrobial Resistance» von 2014 (UK, chaired by Jim O’Neill) zeigt auf, dass 2050 mehr Menschen an den Folgen multiresistenter Keime sterben werden als an den Folgen von Krebserkrankungen.

Warum gehen wir damit sorgloser um?

Tschumi: Weil wir seit langer Zeit damit leben, es keine unbekannten Keime sind und wir diese als Teil unserer Umwelt wahrnehmen.

Wie kann man sich am besten gegen ansteckende Krankheiten schützen?

Sabina Buyet, Fachexpertin für Infektionsprävention: Eine gute Hygiene (Hände waschen, Abstand halten bei Erkältungssymptomen) sind das A und O. Natürlich auch sich nach Möglichkeit fit halten, auf ausgewogene Ernährung und Erholung achten. Bei Ausbrüchen publiziert das BAG, die Gesundheitsdirektion des Wohnkantons, auch entsprechende Mitteilungen und nicht zuletzt kann man sich beim Hausarzt erkundigen.

Wie schützt sich das Spital gegen Keime, die im Spital übertragen werden, die sogenannten «Spitalkäfer»?

Buyet: Alle Infektionsfälle werden durch die Spitalhygiene und Infektiologie überwacht. Zudem werden die epidemiologischen Daten laufend ausgewertet, sodass eine akkurate Einschätzung zur Situation für bestimmte Keime vorgenommen werden (Beispiel ist der Lagebericht zur saisonalen Influenza für die verschiedenen Regionen in der Schweiz, schweizweite Datenbank «anresis» für die Verbreitung multiresistenter Keime). Das Spital führt die entsprechenden Hygienemassnahmen wie Händedesinfektion, Flächendesinfektion, korrekter Umgang und Aufbereitung von Materialien und Geräte wie der Einsatz von Schutzkleidung (Handschuhe, Schutzkittel ) aus, bis hin zur Isolation eines Patienten, wenn nötig. Kommunikation und Schulung zu relevanten Themen werden durchgeführt.

Welche Erreger sind im Spital am mei- sten gefürchtet?

Tschumi: Multiresistente Bakterien.

Welche Patienten sind am meisten gefährdet?

Tschumi: Hauptsächlich Patienten, deren Immunsystem (aus verschiedenen Gründen) eingeschränkt ist oder die bereits körperlich stark geschwächt, mangelernährt sind.

Geht die Ansteckungsgefahr mehr vom Personal oder von den Besucherinnen und Besuchern oder den anderen Patientinnen und Patienten aus?

Tschumi: Die meisten Patienten bringen «den Keim» mit.

Wie schützt sich das Personal vor Ansteckung?

Buyet: Es führt die korrekten Hygienemassnahmen durch.

Welche Tipps geben Sie Besuchern?

Buyet: Besucher sollen, wenn sie selbst erkältet sind, auf einen Besuch verzichten. Besucher sollen bei Betreten des Patientenzimmers und nach dem Besuch die Hände desinfizieren. Wo nötig, werden Besucher in die übrigen Schutzmassnahmen wie das Tragen eines Mundnasenschutzes oder Anlegen eines Schutzkittels eingeführt.

Trotz aller Hygienemassnahmen, kein Spital ist ganz gefeit vor Erregern. Wie gehen Sie damit um?

Buyet: Einen 100-prozentigen Schutz gibt es nicht. Das Risiko einer Infektion durch eine Übertragung wird mit den zuvor genannten Massnahmen auf ein Minimum reduziert. Kommt es zu einer Übertragung, ist die Spitalhygiene gefordert, die Ausführung der Schutzmassnahmen zu überprüfen und anzupassen. Der oder die Erkrankte wird unter der Leitung des Infektiologen behandelt.

Wie hoch schätzen Sie das Risiko ein, dass alle paar Jahre solche neuen Infektionskrankheiten auftauchen?

Tschumi: Seit der Entstehung des Lebens kommt es immer wieder zu neuartigen Infektionskrankheiten. Meist führt eine Übertragung eines Virus von Tieren zum Menschen, welches dann lernt von Mensch zu Mensch zu «springen», zu neuen Infektionskrankheit.

Ist es heute wirklich schlimmer als früher? Wir reisen schneller, können uns aber auch schneller und besser schützen. Früher reiste man weniger und langsamer. Dennoch war die spanische Grippe 1918 verheerend.

Tschumi: 1918 waren die Menschen häufig unterernährt und geschwächt von den Kriegsjahren, zudem gab es noch keine Antibiotika und weiter unterstützende therapeutische Massnahmen. Auch die genauen Übertragungswege und die zielführenden Schutz- und Hygienemassnahmen waren nicht ausreichend bekannt beziehungsweise umsetzbar. Deswegen war die spanische Grippe in ihrer Auswirkung so verheerend. Die Mobilität führt möglicherweise zu einer rascheren Ausbreitung. Die Aussage «ist es heute wirklich schlimmer als früher»  können wir nicht bestätigen.

Unterland Zeitung vom Freitag, 14. Februar 2020, Seite 7 (5 Views)

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