E-Paper - 14. Februar 2020
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Emsiges Treiben der Biber zwischen Pisten

Gleich neben dem regen Treiben

von Mensch und Maschinen am Flughafen Zürich gibt es eine ganz andere geheimnisvolle und auch faszinierende Welt. Gut verborgen, im Naturschutzgebiet zwischen

Landebahn und Panzerpiste, hat der lange Zeit fast ausgestorbene Biber einen eigenen Lebensraum für sich und andere Lebewesen geschaffen.

Bettina Sticher

Flughafen. Die einstige Moorlandschaft beim Flughafen ist zu 90 Prozent verschwunden. Der Mensch hat sie für sich genutzt und in neuerer Zeit Ackerflächen, Panzer- und Landepisten gebaut. Die verbliebenen zehn Prozent sind heute geschützt und bieten Lebensraum für viele, zum Teil seltene Tiere: Insekten, Vögel, und auch der Biber gehört dazu. Dieser ist erst seit rund 50 Jahren in der Schweiz wieder ansässig. Zuvor war er fast ausgerottet, und das obwohl einst 100 Millionen Tiere in Europa und in Asien heimisch waren.

Von den Menschen wurde er vor allem wegen seines dichten Felles gejagt, und weil der geschuppte Schwanz von der Kirche als Fisch deklariert worden war und daher in der Fastenzeit gegessen werden durfte. Auch das Bibergeil oder Castoreum, ein Drüsensekret, mit dem der Biber sein Revier markiert, trug dazu bei, denn es galt als Wundermittel und war entsprechend begehrt. Zudem galt der grosse Nager als Schädling und wurde daher verfolgt.

Imposante Biberburg

Es ist eisig kalt auf der Biberexkur- sion an einem Sonntagmorgen Ende Januar. Genau die richtige Jahreszeit, um dem Bedürfnis früherer Menschen nach dem wärmenden Fell nachzuspüren. Vor allem aber kann man in der winterlichen Landschaft einen Blick auf die imposante Biberburg im Feuchtgebiet Halbmatt werfen, ein seit dem Jahr 2000 auf fünf Hektar Land entstandener Ersatz für das vom Flughafen überbaute Feuchtgebiet. Die Biberbehausung besteht aus einem riesigen Asthaufen, der in anderen Jahreszeiten von Büschen und Bäumen verdeckt wird. In einem kleinen Weiher hat sich seit Jahren eine Biberfamilie häuslich niedergelassen, nur rund 200 Meter neben der Flugpiste auf Höhe Niederrüti/Winkel. Neben der Burg entdeckt man aber auch andere Spuren des handwerklich begabten Baumeisters, so zum Beispiel eine Rutsche oder Nagespuren an Baumstämmen oder Ästen. Auf den Biber selber trifft man tagsüber höchstwahrscheinlich nicht, denn er lässt sich selben blicken und ist nachtaktiv.

Auch von der Inneneinrichtung des Heimes des eifrigen tierischen Architekten sieht man nichts. Kein Eingang, um hineinzuspähen, denn der ist immer unter Wasser. Das Familienleben der vorsichtigen Tiere ist damit gut geschützt, ihr Revier von etwa einem bis drei Kilometer Länge rundherum verteidigen sie vehement. Immer zwei Generationen befinden sich in einem Bau, neben den erwachsenen Tieren die Jungen aus zwei Würfen. Ein Wurf kann bis zu vier Jungtiere hervorbringen, eine einzige Biberfamilie also gut bis zu zehn Tiere zählen.

Vielseitige Nahrungsbeschaffung

Trotz Fluglärm und Besucherandrang von Spaziergängern, Reitern, Hündelern, Bikern, Joggern und Spottern in diesem Gebiet, scheinen sich die bis zu einem Meter langen Tiere mit dem bis zu 35 Zentimeter langen Schwanz zwischen Landepiste und Autobahn sehr wohl zu fühlen. Mit der Kälte hat der Vegetarier im Winter dank seines dichten Felles nicht zu kämpfen. Eingeschränkt ist aber sein Speiseplan, der sonst aus 300 krautigen oder verholzten Pflanzen besteht. Nun ernährt er sich vor allem gerne von Weiderinden, fällt auch schon mal einen ganzen Baum, um an die begehrte Nahrung in der Krone zu kommen, denn Klettern kann der begabte Allrounder trotz seiner starken Krallen und Zähne nicht.

Aber er ist ein guter Planer, legt sich aus Ästen und Zweigen vor dem Baueingang einen winterlichen Notvorrat an. Auch Feldfrüchte wie Zuckerrüben oder Mais verzehrt der Biber gerne. Die Schäden für den Menschen halten sich gemäss den Fachleuten aber in Grenzen. Für Verluste werden die Landwirte zudem entschädigt. Das trotz aller Anstrengungen auch heute nicht bei allen gleich beliebte Tier wurde in der Schweiz erst ab den 50er Jahren wieder angesiedelt. Ende 2018 betrug der Biberbestand in der Schweiz geschätzt rund 3500 Tiere. Seiner Lebensgestaltung kommt entgegen, dass gemäss dem Gewässerschutzgesetz die Gewässer wieder mehr Uferraum erhalten. Damit bekommt der Biber mehr Raum und Nahrungsmöglichkeiten und kann wiederum durch seine Arbeit die Renaturierungen unterstützen.

Lebensraum auch für andere Tiere

Die grossen Nager schaffen mit ihrer Gestaltungsarbeit aber auch neue Lebensräume für andere Tiere, vor allem Vögel, Fledermäuse, Amphibien, Fische, Reptilien, Libellen und diverse Pflanzen. Sie leben in Biberteichen, die entstehen, weil sie Dämme bauen, um den Wasserstand so zu regulieren, dass der Eingang ihres Baues konstant unter Wasser bleibt. Ihre Kanäle und Weiher erlauben es ihnen, sich einfach und gefahrlos in ihrem Revier zu bewegen und so an weiter entfernte Wasserquellen zu gelangen.

Gleichzeitig bieten sie auch anderen, zum Teil seltenen Tieren, eine Heimat. Von den unermüdlichen Schaffern hinterlassene Ufergehölze oder Totholz, sowie offene Erdflächen, die an den Ein- und Ausstiegsstellen entstehen, bieten Lebensraum für Kleintiere. Wenn im Rückstau eines Dammes das Gewässer verlandet oder ein Damm bricht, können Biberwiesen entstehen, ein El Dorado für Insekten, Planzen und andere Tiere. Beim Flughafen haben die Biber einen kleinen Bach mit mehreren Dämmen aufgestaut und einen Weiher um ihre Halbmatter Burg.

Rümlanger Nachrichten vom Freitag, 14. Februar 2020, Seite 9 (23 Views)

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