E-Paper - 07. Februar 2020
Rümlanger Nachrichten
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Im Film lebt die Vergangenheit weiter

Wenn Menschen aus ihrer Vergangenheit erzählen, wird Geschichte lebendig. Diesem Motto folgt der Film «Oral History Rümlang», in dem drei Rümlanger über die Entwicklung der Gemeinde berichten.

Sabine Schneiter

Rümlang. Wie war das nochmal mit diesem Brandstifter, der vor über 40 Jahren die Dorfbevölkerung in Angst und Schrecken versetzt hat? Oder mit der denkwürdigen Gemeindeversammlung, die so gut besucht war, dass sie in die Kirche verlegt werden musste? Und wie kam es überhaupt, dass Rümlang noch vor dem Alterszentrum ein Hallenbad hatte? Der Rümlanger Gemeindeschreiber Giorgio Ciroli wollte diesen und weiteren Fragen aus der jüngeren Vergangenheit des Dorfes auf den Grund gehen. Deshalb hat er drei Rümlanger eingeladen, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen: den ehemaligen Gemeindeschreiber Toni Frauenfelder, den Alt-Gemeindepräsidenten und Unternehmer Werner Bosshard sowie Alt-Gemeinderat Jakob Keller. Dies aber nicht einfach bei einem Gespräch am Stammtisch, sondern im Studio des Rümlanger Fachgeschäfts Foto Bäumli vor einer ganzen Reihe Kameras und einem Green Screen.

«Ich komme mit etwas gemischten Gefühlen», sagte Jakob Keller vor den Aufnahmen, «ich weiss nicht, ob das gut kommt.» Denn konkret vorbereiten konnten sich die drei Rümlanger nicht, schliesslich sollten sie spontan über ihre Erinnerungen berichten. Doch das Gespräch kam nicht ins Stocken, und bestimmt hätten die drei Protagonisten noch einiges mehr zu erzählen gewusst, als in der guten Stunde Film Platz fand. Auch das anfängliche Unbehagen vor den Kameras legte sich rasch. «Es war sehr locker, und ich dachte bald nicht mehr daran, dass wir gefilmt werden», sagte Toni Frauenfelder im Nachhinein. Auch der zunächst skeptische Jakob Keller fand zum Schluss: «Es hat mir eigentlich Spass gemacht und es ist recht gut herausgekommen.»

Die Gefühlsebene erreichen

Gut herausgekommen ist der Film auch in den Augen von Gemeindeschreiber und Initiant Ciroli. «Ein Gefühl zu übermitteln gelingt im Film viel besser, als dies mit einem Text möglich wäre», sagt er. Und genau das habe er mit dem Projekt erreichen wollen. «Etwa die Episode mit dem Brandstifter. Das wäre sonst nur eine Fussnote in der Dorfgeschichte, doch so kommt die Verunsicherung, die in der Bevölkerung herrschte, gut rüber und das Vergangene erhält ein Gesicht.»

Auf die Idee, die Rümlanger Vergangenheit im Gespräch mit Einwohnern festzuhalten, ist Ciroli beim Besuch des Stasimuseums in Berlin gekommen. Dort habe ihm eine Frau geklagt, dass all das Schlimme, was sie erlebt habe, in einem Geschichtsbuch bloss ein paar trockene Seiten füllen würde. «Natürlich ist das eine ganz andere Situation als in Rümlang», räumt Ciroli ein, «aber dort kam mir der Gedanke, dass man die Vergangenheit auch hier nicht nur auf dem Papier festhalten sollte. Die Gefühlsebene geht sonst verloren.»

Wie es weitergehen könnte

Ciroli ist zudem voll des Lobs für den Gemeinderat, der rund 15 000 Franken für das Gesamtprojekt gesprochen hat. «Ich hatte komplett freie Hand», sagt der Gemeindeschreiber. Seine Hoffnung sei nun, dass das Medium Film das Dorfgeschehen auch für die jüngere Bevölkerung zugänglich mache. «Das Wissen über die Vergangenheit ermöglicht ein gesundes Verhältnis zu den eigenen Wurzeln und hat eine identitätsstiftende Wirkung», ist der Gemeindeschreiber überzeugt.

Ein erster Oral History-Film, der gleichentags aufgenommen wurde, feierte bereits am Neujahrsapéro Premiere. Er handelt vom Leben und Wirken des Rümlanger Bauern Walter Kaufmann. «Diskussionen, die dazu auf Facebook entstanden sind, zeigen, dass die kollektive Erinnerung auflebt», freut sich Ciroli. Er könne sich vorstellen, dass weitere Filme folgen an Ideen würde es ihm zumindest nicht fehlen. Ob die Rümlang-Filme eine Fortsetzung finden, hänge nun vom Gemeinderat ab. Doch zuerst einmal muss der neueste Film an die Öffentlichkeit gelangen: Er kann ab heute auf dem Youtube-Kanal der Gemeinde Rümlang angesehen werden.

Rümlanger Nachrichten vom Freitag, 7. Februar 2020, Seite 1 (9 Views)

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