E-Paper - 27. September 2019
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Wie Drohnen Rehkitze erfolgreich vor dem Mähtod bewahren

Jährlich sterben viele Rehkitze auf Schweizer Feldern. Mit dem Einsatz von Drohnen können die Wildtiere gerettet werden. An einem Infoabend des Vereins Rehkitzrettung Schweiz sollen Interessierte für eine entsprechende Ausbildung mobilisiert werden.

Ramona Kobe

Buchs. «Ich habe sie gefunden», ruft eine der Teilnehmerinnen und streckt eine Wasserflasche in die Höhe. Stolz stapft sie durch die hohe Wiese zurück zu den anderen, die noch immer mit dem Blick in den Himmel gerichtet am Strassendrand stehen und eine Drohne beobachten.

Die fliegenden Kameras waren die Stars vergangene Woche in Buchs. An einer Infoveranstaltung des Vereins Rehkitzrettung Schweiz wurde den Interessierten erklärt, wie die Rettung von Rehkitzen mit der Hilfe von Drohnen funktioniert. Ziel war, sie für eine entsprechende Ausbildung als Pilot oder Helfer zu motivieren.

Es war eine überschaubare Runde, die sich an jenem Dienstagabend im Restaurant Bergwerk in Buchs versammelt hat. Nach einer kurzen Einführung von Bruno Holliger, der im Vorstand des Vereins ist und zusammen mit Jon Cantieni sowie Martin Baumgartner den Anlass durchgeführt hat, ging es für die Gruppe auch gleich raus aufs Feld. Dort sollte eine solche Rehkitzrettung bei untergehender Sonne nachgeahmt werden.

Rehkitzrettung kostet den Bauern nichts

«Rehkitze haben bis zu drei Wochen den sogenannten Drückinstinkt», erklärte Holliger, «weshalb sie sich bei Gefahr nicht bewegen, anstatt wegzuspringen.» Die Tiere zu Fuss im hohen Gras zu finden, ist aufwendig und dauert entsprechend lange. Die Suche mit Drohnen ist schneller und exakter. Die Erfolgsquote: 100 Prozent. Anhand einer Flasche, die mit heissem Wasser gefüllt ist, möchte Cantieni und sein Team eine solche Rettung Schritt für Schritt vorführen. Er versteckt die Flasche in der Wiese, während Holliger mehrere Displays verteilt und die Drohne für den Start bereit macht. Mit einem leisen Surren hebt sie sogleich ab. Am Kopter ist eine Wärmebildkamera befestigt, welche die genaue Lage der Rehkitze aufspüren kann oder eben auch die einer warmen Flasche. Die Teilnehmenden können die Aufzeichnung der Kamera zeitgleich auf den Bildschirmen verfolgen. «Seht ihr den roten Punkt?», fragt einer der Leiter. «Dort befindet sich die Flasche.»

Nachdem die ganze Fläche abgeflogen wurde, peilt Holliger den verdächtigen Wärmepunkt für eine genauere Suche erneut an. Die helfende Person kann nun zu Fuss zur Stelle gehen und die Flasche das Rehkitz vor den scharfen Klingen der Mähmaschine retten. Für Landwirte ist die Dienstleistung kostenlos. Und mit wenig Aufwand verbunden, da sie ihre Felder online eintragen können. Die Daten werden dem Piloten übermittelt, der die Fläche im Voraus auf der Drohne programmiert. Anschliessend wird zu dritt, zusammen mit dem Jäger, ein Termin ausgemacht, um die Wiese zuerst abzusuchen und sie anschliessend zu mähen.

Nebst dem Wohl der Rehkitze ist die Suchaktion auch im Eigeninteresse der Bauern. Denn: Eine durch einen Kadaver verunreinigte Ernte, die den Tieren verfüttert wird, kann zu Lähmungen und schliesslich zum Tod führen.

Ausbildung ist nur etwas für Frühaufsteher

Dank dieser modernen Technik konnten dieses Jahr bereits 751 Rehkitze gerettet werden. Die Zahl hat sich gegenüber dem Vorjahr verfünffacht. Auch die Zahl der Rettungsteams hat zugenommen, allerdings gibt es noch immer zu wenige Freiwillige. Das Interesse der Bevölkerung scheint aber da zu sein, wie die Infoveranstaltung zeigt. Doch: Viele trauen sich den Umgang mit der Drohne nicht zu. «Ich habe Angst, das Ding kaputt zu fliegen», sagt eine. Die Bedienung einer Drohne sei keine Hexerei, beruhigt Holliger. Sie müsse aber gelernt sein. In drei Modulen wird willigen Rehkitzrettern von Januar bis April alles über Kopter und Wärmebildkamera beigebracht. An zwei Abenden wird die Theorie erklärt. «Anschliessend wird geflogen, bis es alle können», sagt Cantieni, der schweizweit für die Ausbildung der Piloten zuständig ist.

Wer sich für die Ausbildung entscheidet, muss sich einiges bewusst sein. Dass die Rettung frühmorgens, noch vor Sonnenaufgang stattfindet, zum Beispiel. Sobald ein Feld durch die Sonne beschienen wird, ist es schwierig, verlässliche Resultate zu erzielen, da die Wärmebildkamera Gräser nicht mehr von Rehkitzen unterscheiden kann. Ausserdem geht die Ausrüstung ins Geld. Drohne, Wärmebildkamera und Monitor kosten zusammen rund 4000 Franken. Wozu also der ganze Aufwand, mag sich manch einer fragen. «Es ist ein wunderbares Erlebnis, am Morgen die Ruhe auf dem Feld zu geniessen», schwärmt Baumgartner. Einer der Jäger, der auch zu den Teilnehmenden zählt, ergänzt: «Ein Rehkitz in den Armen zu halten ist mehr wert, als jedes Geld.»

Furttaler Nachrichten vom Freitag, 27. September 2019, Seite 1 (42 Views)

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