E-Paper - 08. Februar 2019
Furttaler Nachrichten
E-Paper - Auswahl
E-Paper - Ansicht
 
 

«Angreifer suchen sich Opfer keine Gegner»

Am 2. Februar war der schweizweite Tag der Selbstverteidigung: Fünf Kursteilnehmerinnen lernten an der WingTsun Schule in Buchs, wie man sich mit Worten und mit Taten wehrt.

Jennifer Zimmermann

Buchs. Zum Start gibt es erst mal eine Ohrfeige für alle an diesem Samstagmorgen. Alle, das sind die drei Sekundarschülerinnen Anja, Romina und Patricia und die zwei Mittvierzigerinnen Doris und Bianca, die sich am Fliederweg in Buchs eingefunden haben. Natürlich tut die Ohrfeige nicht weh, sondern wird bloss für den Ernstfall geübt. Wir sind an der WingTsun-Schule von Reto Rindlisbacher, die er zusammen mit seiner Frau Ariane führt. Ihre Schule gehört der Europäischen WingTsun-Organisation (EWTO) an. Sie ist es auch, die dieses Jahr erstmals den 2. Februar zum Tag der Selbstverteidigung ausgerufen hat. In diesem Jahr steht er im Zeichen der Frau. An mehr als dreissig WingTsun-Schulen in der Schweiz konnten Frauen an diesem Tag an Workshops einen Einblick in die Kampfkunst erhalten.

«Lassen Sie mich in Ruhe!»

Die fünf Anwesenden wollen vor allem eines: mehr Selbstbewusstsein und im Ernstfall wissen, was zu tun ist. Das in drei Stunden zu erreichen, sei natürlich schwierig, so Rindlisbacher. Was er aber anbieten kann, sind viele Einstiegsübungen, noch mehr Denkanstösse und seine humorvolle, einfühlsame Art, mit der die Stunden wie im Flug vergehen. «Wie gewinnt man denn Selbstvertrauen?», fragt er in die Gruppe. Angeregt diskutieren die Frauen: «Stolze Haltung, Brust raus, breitbeinig stehen». Rindlisbacher ergänzt: «Wer wachsam ist, ist auch selbstbewusst. Es heisst also: Kopfhörer raus und mit dem Blick nicht am Handydisplay festkleben. Denn Angreifer suchen sich Opfer, keine Gegner.»

Wenn es dennoch zu einer Konfrontation kommt, rät Rindlisbacher: «Wehre dich mit lauten und klaren Worten!». So könne man die Aufmerksamkeit der Umstehenden auf sich ziehen. «Fassen Sie mich nicht an!», solle man etwa laut rufen, wenn man von einem Fremden physisch bedrängt werde. Man sollte den Angreifer auf jeden Fall siezen, damit die Umstehenden auch klar erkennen, dass man die Person nicht kenne. Dabei auch immer die Körperspannung halten.

Hände fliegen, Hemmungen verfliegen

Weiter geht es dann mit Übungen. Die fünf Frauen lachen und kichern. Gerade die Jüngeren schlagen noch etwas zögerlich zu. «Entschuldigung» tönt es von hier, «alles okay?» von da. Die Hemmung zu schlagen, müssen manche erst ablegen. Bald fliegen aber bei allen die Hände. Im Einstiegskurs wird vorerst auf das Schlagen mit Fäusten verzichtet. Zu gross sei die Gefahr, sich dabei selbst zu verletzen, erklärt Rindlisbacher. Die Teilnehmerinnen lernen, was zu tun ist, wenn sie von hinten geschubst, von vorne bedrängt, gewürgt oder am Arm gepackt werden. Mit Schlägen, Tritten, Drehungen und Sätzen wehren sie sich, üben mit Kissen, an- und miteinander. Eindrücklich zeigt Rindlisbacher, wie sogar eine Kleenex-Packung zu mehr Schlagkraft verhelfen kann. «Das macht richtig Spass», sind sich alle einig und schlagen mit mehr Elan zu.

So direkt und klar es im WingTsun («Wing Dschun» ausgesprochen) zu- und hergeht, so lieblich ist die Übersetzung des Begriffes: schöner Frühling. So hiess die Frau, die diese Kampfkunst vor rund 300 Jahren in China entwickelt hat. Reto Rindlisbacher betont: «WingTsun ruft nicht zur Gewalt auf, aber manchmal nicht anders.» Er musste die Kampfkunst im echten Leben zum Glück noch nie anwenden. «Ich konnte bisher immer mit Worten schlichten.»

Furttaler Nachrichten vom Freitag, 8. Februar 2019, Seite 11 (3 Views)

ZURÜCK ZUR SEITE

 
 

<   Februar   >
Mo Di Mi Do Fr Sa So
        1 2 3
4 5 6 7 8 9 10
11 12 13 14 15 16 17
18 19 20 21 22 23 24
25 26 27 28